Die Suche nach der perfekten Welle: Canggu, Bali 2016

Acht Jahre ist es her, seitdem wir hier waren. Wir erinnern uns noch gut an die freundlichen Menschen, die geheimnisvolle Kultur, die eigentümlichen Klänge der Gamelan-Musik und den unverkennbaren Duft der Räucherstäbchen. Damals galt Bali noch als Geheimtipp und wir genossen Kultur und die Unterwasserwelt beim Tauchen. Canggu

Unsere jetzige Reise wird jedoch anders. Da ich spätestens im Urlaub auf Fuerteventura (siehe hier) die Liebe zum Surfen entdeckt habe, sind wir nun nach Bali für die Suche nach der perfekten Welle gekommen. Wir bleiben im „Chillhouse“, in Canggu. Es ist ein herziges Guesthouse, welches sich auf Bike & Surf Retreats spezialisiert hat.

Mit Air Asia landen wir in Denpasar. Schon in den ersten Minuten wird klar: Hier hat sich einiges verändert. Noch vor einigen Jahren bestand der Flughafen nur aus einer einzigen grossen Halle, Fingerdocks waren ein Fremdwort. Heute kann der einst winzige Flughafen den internationalen Vergleich aufnehmen: Gross, organisiert und modern – das ist der Stand 2016!

Wir brauchen mit dem Taxi circa 1,5 Stunden für die 16km nach Canggu. Was uns ein wenig schockiert ist für den Taxifahrer keine Überraschung. Bali ist schon lange kein Geheimtipp mehr und viele Backpacker, Luxustouristen, Kulturliebende, Taucher, Surfer, Yogis, Veganer und Gourmets erklären Bali zu ihrem Lieblingsreiseziel. All jene verstopfen natürlich auch in Taxis oder auf Mopeds die schmalen Strassen der Insel.

ChillhouseDas Chillhouse ist eine kleine Oase inmitten der hupenden Blechlawine! Es fühlt sich ein bisschen an, als würden wir nach Hause kommen… obwohl wir ja noch nie hier waren. Die Mitarbeiter sind alle so freundlich und so herzlich. Einmal vorgestellt und alle kennen Deinen Namen. Da blamieren wir uns fast, bei unseren kläglichen Versuchen die indonesischen Vornamen auszusprechen.

Aber auch die anderen Reisenden werden schnell zu Freunden. Es ist ein bunter Mix aus Surfern, Bikern, Yogis (jeden Tag werden zwei Sessions durchgeführt) und „Chillern“, die den Weg ins Chillhouse gefunden haben. Der Aufenthalt kommt mit Frühstück und Abendessen. Obwohl wir nahezu „Allesesser“ sind, kommen wir in den Genuss von einem ganzen Detox-Programm: Alles Bio, oft Vegetarisch, manchmal sogar Vegan, keine Drinks. Nur etwas Wein und Bier hat es, wenn pünktlich geliefert wurde. Dafür wird einem mit sensationellen Smoothies der Mund wässrig gemacht. Aber „Shots“ gibt es! Diese bestehen aber nicht Jammu Shotaus einer wilden hochprozentigen Kombination, sondern aus allem Guten, was die Natur zu bieten hat 😉 Ja, in Bali sind spezielle Esser willkommen und es gibt eine grosse vegane Szene – bis hin zur „Raw-Food“-Bewegung. Also alle, die einer bestimmten Diät folgen: Bali ist das Ziel der Wahl!

Wir sind so gespannt auf’s Surfen!! Das Chillhouse arbeitet mit einer lokalen Surfschule in Canggu zusammen, welche hauptsächlich zwei Surfspots bedient: „Batu Bolong“ – der Anfänger-Spot und „Old Man’s“ – für die leicht Fortgeschrittenen.

Vor der ersten Session bin ich aufgeregt… Ob ich noch alles weiss, was ich in Fuerteventura gelernt habe? Ich stehe am Strand und schaue aufs Meer. Selbst am Anfängerspot sehen die Wellen gross aus. So einen Meter sicher. Einen Channel gibt es hier nicht. Da wir zuvor immer Beachbreaks gesurft sind, ist das Paddeln eine ganz neue Erfahrung. Circa 150 Meter müssen wir raus. Die Wellen platschen mir unbarmherzig ins Gesicht. Ok… das ist mal etwas Anderes. Der Weg bis raus scheint ewig lang zu sein. Bewege ich mich überhaupt vom Fleck?! Ich denke an all die verpassten Liegestütze, die ich zu Hause doch besser hätte machen sollen. Hallo, ihr lieben Schultermuskeln – Ist da jemand?!

Reto SurfDoch irgendwie geht es und Reto und ich sitzen endlich für einige Minuten auf unseren Boards. Wiro, unser Coach erklärt uns letzte Dinge, bis wir zeigen können was wir drauf haben. Die ersten zwei Wellen stehe ich nicht… Ich denke an Christiano, meinen Coach aus Fuerte: „Mujer, switch off Coco!“ – und plötzlich ist das Feeling wieder da! Und ich surfe. Wave after wave. Unbeschreibliche Glücksgefühle. Adrenalin. Extase.

Die zwei Stunden vergehen wie im Flug. Der einzige Gedanke: Juhhhuuuuu, morgen bitte gleich nochmal!!

Und so ist es auch! Wir gehen früh morgens surfen, geniessen im Yes Please CharChillhouse vorher ein erstes, nachher ein zweites sensationelles Frühstück. Mein Liebling: Die „Yes, Please – Bowl“. Ein Hochgenuss!! Den Rest des Tages teilen wir auf in chillen (ganz wichtig), mit dem Scoopi durch Canggu düsen, eine Massage geniessen oder etwas anderes Sportliches zu unternehmen. Relax. Unwind. Feel the Flow.

Canggu empfinde ich persönlich nicht als wahnsinnig attraktiv. Ich weiss, dass viele andere Blogger es als „hip“ bezeichnen. Objektiv betrachtet ist es eher „upcoming“ in meinen Augen. Kuta oder Seminyak sind derart überlastet, dass Canggu dagegen als ein Ort der Ruhe und des Aufatmens auftritt. Circa zwei Dutzend mehr oder weniger individuelle Läden gibt es zum Shoppen oder einfach nur zum Stöbern. Auch herzige Restaurants und Cafes findet man zu genüge – aber wehe, man sucht einen normalen Brownie: MIT Laktose, MIT Weizen und bitte GEBACKEN und nicht raw 😉 😉 Da muss ich leider leer ausgehen…

Sunset CangguBesonders besticht Canggu aber durch die Sunset-Location. Zahlreiche Strandbars säumen das Ufer. In gemütlichen Sitzsäcken kann man mit den Füssen im warmen Sand jeden Abend die herrlichen orange – roten Sonnenuntergänge geniessen. Die Live-Band spielt die üblichen Reggae-Klassiker, die ins Herz gehen. Das sind Momente, die man nie vergisst…

Doch Feiern bis in die Morgenstunden liegt bei einem Aktiv-Urlaub, inklusive früh aufstehen, nicht wirklich drin. Schon bald steigen wir auf zum „Old Man’s“ Surfspot. Hier ist es wichtig, alle Sinne auf Empfang zu schalten!

Heute Morgen ist es soweit. Doch bin ich bereit? Die Wellen sind gross. Und grün. Schon beim Frühstück kommen Zweifel in mir hoch… Die Wellen-Voraussage (ja, das gibt es!) sagt Wellen von 2,6 Metern an. MEINE GÜTE! Wiro erklärt uns am Strand noch die „Eskimo-Roll“. Gefragt ist, sich mit dem Bord komplett ins Wasser zu drehen und unter Wasser zu warten, wenn eine grosse Welle auf einen zukommt. Irgendwie ist mir jetzt schon schlecht.

Vorteil vom „Old Man’s“ ist der Channel – der Bereich, wo keine Wellen brechen und die Surfer relativ bequem herauspaddeln können. Mutig gehe ich ins Wasser. In einigermassen ansehnlicher Zeit bin ich 200 Meter weit draussen. Wir wollen die Wellen in der zweiten Reihe nehmen, wo sie nicht mehr ganz so gross sind. Doch trotzdem wirken hier andere Kräfte. Die Strömung zieht mich – erstmal unmerklich – in die Zone, wo die Wellen brechen. Hier sollte ich eigentlich nicht sein. Wasserwände rollen auf mich zu. Eskimo? Wie nochmal?!

Und dann erlebe ich, was jeder Surfer irgendwann zum ersten Mal erleben muss: Einen ordentlichen Waschgang. Wellen kommen in sogenannten „Sets“. Das bedeutet, es kommen meist vier Wellen mit zunehmender Grösse, recht schnell aufeinander folgend… dann ist mal wieder Ruhe, dann kommen wieder vier, ect., ect. …

Ich tauche durch die erste Welle. Doch ich bin nicht kräftig genug zwischen den Wellen zurück aufs Board zu kommen und wieder – gegen die Strömung – in den sicheren Channel zu paddeln. Plötzlich fühle ich mich allein: Zwischen den hohen Wellen sehe ich niemanden mehr – weder Reto, noch Coach Wiro.

Hust. Gurgel. Schnauf. Der Ozean spuckt mich am Strand wieder aus. Erledigt und mit Schnapp-Atmung sitze ich am Strand. Ich glaube, ich lasse es für heute. Ehrfürchtig schaue ich Reto zu, wie er es mit den 2 Meter-Wellen aufnimmt. Es wirkt fast selbstverständlich.

Später fragt mich Reto empört: „Schatz, was machst Du denn? Willst Du ertrinken?!“ Von meinem Ehemann werde ich zurückgewiesen auf den Anfängerspot. Ich sei nicht stark genug für die grossen Wellen. Ehrlich gesagt bin ich etwas beleidigt. Andere Frauen schaffen das ja auch. Aber da ich lieber Surfen will, als Salzwasser zu trinken, übe ich zwei weitere Tage brav am „Batu Bolong“.

Mit Aline und Crystal aus unserem Guesthouse unternehmen wir eine Tour über die Insel. Am Tag besuchen Bali’s Kultur- (und ShoSurf Uluwatupping-) Hauptstadt Ubud und geniessen die wunderschönen Reisterassen. Auch hier sind wir überrascht wie sehr sich alles verändert hat. Vor acht Jahren gab es gerade mal zwei Strassen mit Geschäften und Restaurants und heute gibt es ein ganzes Strassennetzwerk mit Boutiquen und Gourmet-Restaurants. Beeindruckend, beängstigend.

Am Abend, auf dem Rückweg, schauen den Profi-Surfern in Uluwatu bei einem Sunset Drink fasziniert zu. Mit ihren Shortboards fahren sie Tricks auf den langen Wellen in der untergehenden Sonne. „Mit mir und Old Man’s – da muss doch noch was gehen…“, denke ich leise bei mir…

SurfsuitIch habe mir einen Surfsuit gekauft. So einen richtig Herzigen. Es ist quasi ein Badeanzug mit langen Ärmeln. So kann kein Rashguard verrutschen und toll aussehen tut er obendrein. Stolz trage ich ihn heute morgen, als Wiro meinen Surfspot für den heutigen Tag ansagt. Old Man’s. Bedingungen und mein aktuelles Können passen nun zueinander, meint er versichernd.

Und ich bin bereit. Ich fühle mich vorbereitet und sicher. Hallo, ihr Jenny Surfgrossen Wellen! Ich komme und seid euch sicher: Ich werde euch surfen! Wiro und ich warten in der „Breaking Zone“ auf die perfekte Welle. Mein Herz hüpft. Als Wiro mir das Zeichen gibt mich in Position zu bringen, sehe ich jedoch nur flaches Wasser. Noch hält er mich. „Paddle“, weist er mich an. „Paddle hard!“, ich schalte meinen Turbo ein. Dann schaue ich prüfend zurück. „%%/)/%%&/(!!!!!“ – denke ich. Und dann kommt der Push! Ich bin auf der Welle. Meine Füsse sind nun flach auf dem Bord. „Mujer, swich off Coco!“ – mein Mantra. Ich löse die Hände und surfe diese riesen Welle! Ich shoote über das Wasser – gefühlte 100km/h (der Leser wende Unterscheidungsvermögen an)!! Und als ich denke, dass es fast nicht besser werden kann, werde ich nocheinmal schneller (200km/h??). Das ist der Moment, in dem sie bricht und das Weisswasser mich nochmal schneller und weiter trägt… Ich surfe die Welle, bis sie von selbst abflacht… Diese, meine perfekte Welle…

Bali 2016. Canggu
Die Insel der Götter. Die Insel des Massentourismus.
Würden wir wiederkommen? Bestimmt.
Lohnt es sich (noch)? Mit Sicherheit.

Bali hat sich in den letzten acht Jahren sehr verändert. Vieles ging in Richtung Fortschritt, aber die Kehrseite der Medaille gibt es schliesslich immer. Verstopfte Strassen, überfüllte Sehenswürdigkeiten. Aber wir sind überzeugt, dass Bali jedem Urlauber gerecht wird. Egal welches Budget man zur Verfügung hat, egal was man erleben will: Bali hat es. Zwar ist man auf Bali nicht alleine und es ist auch schon lange kein Geheimtipp mehr, aber nach wie vor besticht diese wunderschöne Insel durch ihre Vielfalt und der unglaublichen Freundlichkeit und Herzlichkeit der Balinesen. Jeder einzelne der Millionen von Touristen, die Bali jährlich besuchen, ist den Einheimischen herzlich willkommen – so fühlt man sich zumindest. Unserer Meinung ist das genau der Grund, warum alle immer wieder kommen wollen. Und wir auch.

 

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1 Comment

  1. Hallo Jenny und Reto,

    Da kann isch euch nur zustimmen. Ja es stimmt dass sich Bali stark verändert hat, ja es hat immer mehr Leute, immer mehr Verkehr und es ist an gewissen Orten sehr touristisch und überlaufen. Es gibt aber auch immer noch ganz viel wunderschönes in Bali. Aus diesem Grund werden auch wir ganz bestimmt wieder nach Bali reisen.

    Sonnige Grüsse,

    Marcel

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