Catching waves in Fuerteventura

Surfing Fuerteventura

Wir schreiben Fuerteventura im Mai 2016…Der volle Surfbus rappelt über die Buckelpisten. Durch die dreckigen Scheiben sehe ich die auf den Strand steil abfallende Küste. Im Radio lauft der feinste Surfsound. Ich kann schon die ersten Wellen und die ersten Surfer erkennen, die ihr Glück versuchen. Ob ich das auch schaffen werde? Ob ich den Mut, die Kraft und den Biss habe das in 8 Tagen zu lernen?

Es ist der erste Solo-Urlaub für mich. Ich meine, so wirklich der Allererste. Ich habe mich der Surfschule „Freshsurf“ in El Cotillo, Fuerteventura angeschlossen und wohne im „Sufhouse“, das ist quasi eine Surfer-WG…. Ob ich wohl ein Mitglied der „cool Kids“ werde?? Mir gehen viele Fragen durch den Kopf… Bin ich mit 32 Jahren schon die Surfoma? Was zum Kuckuck will ich mir eigentlich beweisen? Geschwindigkeit, Adrenalin und Fun-Sportarten sind normalerweise nicht das was ich suche… Und doch bin ich hier.

4f3a7912dd610f58d8431ce717d416f8Ich werde von Office-Mitarbeiterin Vicky herzlich begrüsst und eingecheckt. Es ist nachmittags und das Casa ist leer. Also mache ich auf den Weg El Cotillo ein wenig zu erkunden. Das kleine Dorf ist überschaubar, im Kern hat es herzige Strassen, es verfügt über einige einladend aussehende Restaurants und Cafés. Der Strand ist malerisch mit ein paar Steinbuchen, um sich beim Sonnenbaden vor dem ständigen Wind zu schützen. Fuerteventura…. starker Wind. Soweit so gut. Am Abend lerne ich dann endlich ein paar Mitbewohner kennen. Ein gemeinsames Pizzaessen im Restaurant steht auf dem Plan. So erfahre ich mehr über die Leute und mit einem Mal merke ich, dass ich keinesfalls die Älteste bin! Da sind sogar die Meisten in meinem Alter und einige sogar älter! Thomas zum Beispiel ist auch Alleinreisend und 60 Jahre jung. Er probiert hier Kitesurfen, Surfen und Bodyboarden aus. Oooookkkkeeyyyy…..

Im Surfhouse und drum herum ist immer was los. Nie fehlt es an Leuten, um etwas zu unternehmen: ob einen Kaffee beim Franzosen, eine Mietwagentour über die Insel, Shopping oder Feiern in Corralejo, Yoga, Longboard fahren (= Skateboard), einen Drink beim „Schweizer“ nehmen, gemütliches Beisammensein bei einem Gläschen Zacapa Rum auf dem Rooftop oder Chillen am Beach… Ich bin nie alleine!

Doch das Meer ruft. Es gibt pro Tag zwei Surfeinheiten. Eine für die Beginner und eine für die cf400b8afa3734f95fc0790395987eaeIntermediates. Die Zeiten hängen hauptsächlich von den Gezeiten ab und variieren somit immer ein wenig. Ich komme schnell in die Surf-Routine: Ich packe einen passenden Wetsuit, ein Lycra (= Surfshirt, zur Erkennung für die Coaches), eine Leash (Leine für Fuss / Surfboard) und ein Softboard. Alles wird auf die Surfbusse geladen und dann geht es los. Die Surfbeaches sind innert weniger Minuten erreichbar.

Jede Session startet mit dem Warmup. Voll in Wetsuit eingepackt, fängt man da schon gut an zu schwitzen. Ein Coach kümmert sich um maximal 5 Schüler. So stellt er sicher, dass niemand absäuft 🙂 Das Herz schlägt mir etwas schneller, als ich das erste Mal ins Wasser gehe. Mein Bord schlägt an meine Hüfte als die ersten Wellen hereinrollen, das kalte Wasser durchnässt meinen Suit, ich schmecke das Salz auf der Zunge… Ob ich mein persönliches Ziel am Ende des Urlaubs jede dritte Welle surfen zu können wohl erreichen werde? Ich bin mir nicht sicher.

Von Zuhause aus habe ich drei Surftage gebucht. Jede Session geht 3 Stunden. Man verausgabt sich total und die ersten Stunden bekommt man eigentlich nur unfreiwillige Salzwasserspülungen, aber trotzdem macht das alles einfach blödsinnig Spass. Manchmal machen wir noch Theorie oder Video-Analysen nach dem Wasser. Ich lerne die Wellen (Sets) zu lesen, den „Channel“ zu bestimmen, Sicherheit im Wasser, Strömungen und Gezeitenlehre.

Ausser dem probiere ich das hier auf der Insel erfundene „Dry Surf“ aus. Das sind Trainings-7277dbef367211ff6a9f3561166eb7d9Surfboards, die auf einer grosse, flexible Spirale fixiert sind. Auf diesem Gerät machen wir mit Christiano, dem Coach, verschiedenste Übungen. Zuerst wackelt mir der ganze Körper und ich habe das Gefühl ich könnte mich keinen Zentimeter drauf bewegen. Doch nach kürzester Zeit stehen wir alle auf einem Bein, kreisen mit den Knien, laufen nach vorn und nach hinten. Doch als Christiano will, dass ich von rechts nach links springe, möchte ich boykottieren. „Mujer, switch out your head! You think too much! Just do it!“ Das wehemete „Vamos!“ am Ende seines Satzes lässt mir keine Wahl. Ich springe. Und ich schaffe es! Total abgefahren! Ich glaube, ich habe meinen Coach für die nächsten Tage gefunden. Wenn Christiano meinen Kopf auf dem Simulator ausschalten kann, kann er’s vielleicht auch im Wasser.

49501ba9414b443287acf7114daf2dfeDie Tage ziehen dahin. Viele meiner Mitstreiter und Mitstreiterinnen überkommt nach Tag 2 oder 3 das Motivationstief und sie lassen sich von fehlenden Erfolgen oder Muskelkater vom weiteren Üben abhalten. Ich muss aber fairerweise gestehen: Die ganze Sache ist schon hart. Wenn man noch andere Sportprogramme wie das Dry Surf oder Yoga nutzt, kommt man locker auf gute 4 Stunden Sport täglich.

Doch ich beisse. An Tag 4 fliesst auch bei mir eine leise Träne der Enttäuschung. Bin ich wirklich so doof? Warum stehe ich einfach nicht auf? So ein Popo-Kniesurf ist einfach nichts worauf man stolz sein kann, denke ich mir.

Christiano steht mit verschränkten Armen in seiner Militär-Jacke am Strand. Er beobachtet uns alle genau. Nichts entgeht seinem starken Blick. Jedes Mal, wenn der Ozean mich wieder vor seinen Füssen ausspuckt, gibt es die Kritik. Mal ist es der Fuss, der herabgerichtete Blick, die Arme, die Hüfte, der falsche Moment, die falsche Position auf dem Bord….. Aber am Meisten: „Mujer, switch off coco“ – Hör endlich auf zu denken. Manchmal ist das hart, aber ich weiss er hat Recht und ich brauche das.

An Tag 5 kommt der Durchbruch. Ich stehe die erste Welle! Meine Freunde ist riesig! Leider kann ich heute nicht weiter an diesen Erfolg anknüpfen… Tag 6 hingegen ist ein absoluter Traumtag. Keine Strömung, gleichmässige Sets, perfekte Grösse der Wellen, volle Motivation! Ich paddle sicher 70 Wellen an und 10-12 Mal stehe und surfe ich! Meine Güte, ich könnte die ganze Welt umarmen und Christiano umarmt mich!

Ich überlege, ob ich wirklich an meinem letzten Urlaubstag auf Fuerteventura noch eine Session buchen soll. Doch ich e4b713b0a3c34ccce39b9e449c9ccc4akann es nicht lassen, es hat mich gepackt. Noch einmal stürze ich mich mit meinem Bord unter Christianos Obhut in die Fluten. Die Bedingungen sind etwas schwieriger, ein zünftiger Wind macht allen etwas zu schaffen. Doch es lauft bombastisch! I am on fire! Wave after wave… Ich sehe Christiano zufrieden am Strand stehen. Sein Lob für mich ist überwältigend.

Und was habe ich mir nun bewiesen? Ich stand in starker Strömung, habe gegen Wind und Wellen gekämpft, habe viel Wasser geschluckt, bin oft gefallen, musste  alle Kräfte zusammen zu nehmen um wieder aufzustehen, ich bin grün und blau unter meinem Suit und ich habe viele Mitstreiter/innen aufhören sehen. Doch ich habe weitergemacht und mich durchgebissen, obwohl ich weder Hochleistungssportlerin noch wahnsinnig Adrenalin-afin bin.

Fazit: Heute, am 7. Tag bin ich also 38 Wellen von 51 gestanden, gesurft und gekurvt. You can do the math.

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Video

 

Tipps Fuerteventura:

– Surfschule Freshsurf
Calle Hermanas del Castillo 4 | Edificio El Carmen, Local 3El Cotillo, Fuerteventura, Spanien
www.freshsurf.de
Nettes und professionelles Team, gute Unterbringung, viele Aktivitäten und lässige Atmosphäre!

– Puerto Dulce, Café & Restaurant
Calle Muelle de Los Pescadores 3El Cotillo, La Oliva, Fuerteventura, Spanien
Feine Tapas, Smoothies, ausserordentlich nette Bedienung!

– El Goloso, Café
Pedro Cabrera Saavedra Nr.1, El Cotillo, La Oliva, Fuerteventura, Spanien
Französische Bäckerei, toller Place zum Frühstücken

 
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4 Comment

  1. […] Mensch mehr sein darf? Ist es am Ende eine Religion, die einem weiss macht, dass ein freudiges Dasein erst irgendwann in einem Leben nach dem Tod […]

  2. […] auf nach Sardinien, um einen Überführungstörn nach Sizilien mitzumachen, während Jenny einen Surfkurs auf Fuerteventura gebucht […]

  3. […] jetzige Reise wird jedoch anders. Da ich spätestens im Urlaub auf Fuerteventura (siehe hier) die Liebe zum Surfen entdeckt habe, sind wir nun nach Bali für die Suche nach der perfekten Welle […]

  4. Hallo Jennifer,
    vielen Dank für deinen tollen Beitrag. Und Glückwunsch zu deinen ersten Take-Offs und gestandenen Wellen. Bei meinem ersten Besuch bei FreshSurf hat es irgendwann auch bei mir „klick“ gemacht. Und dann lief es richtig gut. Ich war bereits zwei Mal in El Cotillo und im FreshSurf Surf-House und war mehr als zufrieden. Tolle Truppe, tolle Leute, toller Urlaub. Daher geht es für mich im Oktober wieder zu FreshSurf. Die Vorfreude ist bereits jetzt da 🙂
    Viele Grüße
    Thomas Pfannkuch

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