Was machen wir hier eigentlich? Oder: Confessions of two travellers

Immer wieder bekommen wir Fragen von Euch gestellt wie:  Wie geht es Euch? Wie gefällt es Euch so? Wie macht Ihr das eigentlich? Und (ein Klassiker): Habt Ihr im Lotto gewonnen??

Vorab, Antwort aufs Letztere: Nein, haben wir (leider) nicht. Deshalb dachten wir, es ist an der Zeit …so nach guten vier Monaten on the road… vielleicht mal zu erzählen, wie unser Reisealltag so aussieht, was wir eigentlich hier so machen und was uns so bewegt…

Sicher sind viele von euch auch schon gereist. Der „normale“ Schweizer hat 5 Wochen Ferien. Man plant seinen langersehnten Urlaub, sucht sich ein Traumziel aus, bucht ein nettes Hotel, mixt „etwas Kultur“ dazu und denkt mal zwei, drei Wochen einfach an gar nichts.

Haben wir also einfach ein Jahr lang Urlaub? Sind wir nun Cocktail-schlürfende Ferien-macher von Beruf? Oder sind wir einfach nur Touristen, die die ganze Welt an Ihrer Fotokamera langsam vorbeiziehen lassen??

Eine Prise der oben angeführten wahrhaft verlockenden Merkmale bauen wir sicherlich immer wieder mal in unsere Reise ein 😉 . Aber unser „Reisealltag“ sieht doch gänzlich anders aus,  als das. Er hat wahnsinnig gute und einmalige, aber auch sehr anstrengende und  manchmal auch aufreibende Seiten.

Das Wundervollste an diesem Jahr ist der Luxus, keinen Alltag und keine Routine zu haben. Jeder Tag ist komplett neu und anders und wenn man morgens aufwacht, weiss man nicht, was der Tag bringen wird und was so alles (tolles, nerviges, schönes oder interessantes) passieren wird. Kein Chef, keine liegengebliebene Arbeit, kein klingelndes Telefon, keine Wohnung zum Putzen. Ausserdem, seinen Schatz bei sich zu haben und eine so intensive und aufregende Zeit miteinander erleben zu können!

Doch „Luxus“ haben wir nur im Ideellen. Um uns den Spass leisten zu können (weil eben ja nicht im Lotto gewonnen), verzichten wir auf jeden Komfort. Damit unser Tages-Budget nicht aus allen Nähten platzt, dürfen wir pro Übernachtung im Durchschnitt nicht mehr wie ca. 20USD (oder CHF) ausgeben, wenn wir uns auch noch etwas anschauen und essen wollen. Wir sind also froh, wenn das Zimmer sauber ist, eine Klimaanlage hat (in heissen Regionen), das Heisswasser zumindest einigermassen funktioniert und es nicht krabbelt.

Rechnungen zahlen, ist dem Hotel- und Zugtickets buchen gewichen, bügeln und putzen, dem ständigen Rucksack-wieder-einpacken und das Kochen und Einkaufen, dem Suchen nach einem passenden (sauberen!!) Restaurant (-bis zu dreimal am Tag). Wir administrieren also auch unseren mobilen Haushalt.

Wir bewegen uns immer mit Öffentlichen Verkehrsmitteln fort. Klimatisierte von-Tür-zu-Tür-Transporte gibt es nicht und eine 18 Stunden-Zugfahrt wird dem einstündigen Flug deutlich vorgezogen. Ungefähr jeden dritten / vierten Tag schleppen wir also unsere 27kg (20kg grosser Rucksack und 7kg Tagesrucksack – einer vorne, einer hinten auf dem Rücken) durch die Gegend.

Wir dürfen viele wundervolle Länder sehen und andere Kulturen kennenlernen. Jordanien – ein magisches Wüstenland, Dubai – Reichtum und Luxus im Überfluss, China – Kulturschätze und Traditionen, Kambotscha – Das Land, dass Angkor Wat sein Eigen nennen darf, Thailand – das Land des Lächelns, Indien – ein exotisch, oppulenter Traum… Das sind die Klischees, die Reisekataloge uns glauben machen wollen. Doch befinden wir zwei uns wirklich in dieser Scheinwelt?! Nein. Als Budget-Reisender sehen die Dinge ganz anders aus.  Man kann sich an dieser Stelle darüber streiten, was besser ist: Diese wundervollen Klischees im Zuge einer Pauschalreise Wirklichkeit werden zu lassen (und sie halt zu zahlen), oder die Dinge so zu sehen und zu erleben, wie sie wirklich sind… Ehrlich kommen wir zu dem Schluss: es hat beides seinen Platz und seinen Reiz.

Wir geniessen es mit den einfachen Leuten, die am Bahnhof warten oder ganz einfach auf der Strasse zu sprechen, sie zubeobachten, wie sie ihr Leben leben. Oft sind die Menschen nicht so „steif“ wie in Mitteleuropa -Fremde sind immer willkommen, Neugierde ist nie ein Tabu und eine riesige Portion Gastfreundschaft ist etwas ganz Selbstverständliches. Davon kann man nur lernen und tiefen Respekt haben!
Auch so viele wunderschöne Natur- und Kulturschätze in so kurzer Zeit bewundern zu können, ist ein einmaliges Privileg! Wir denken besonders an die alte Stadt Petra, die Tempel von Angkor, die Hutongs von Beijing, den Potala

Palace und Lhasa als Stadt an sich (Tibet) auf der historischen Seite und an das Trekking durch den Regenwald auf dem Rücken eines Elefanten in Kambotscha, an die Motorrad-Tour durch Thailands wunderschönen Norden, in Jordaniens Wüste unter nichts als dem Sternenhimmel einzuschlafen, an Thailands einsame Inseln und an den erfurchtsvollen Moment, als die Sonne auf über 5000m ü.M. hinter dem Mt. Everest-Panorama unterging – auf der Seite der Naturwunder.

Wir bekommen bei sehr eingehender Betrachtung der einzelnen Länder auch die unschönen Seiten mit, die einen auf Dauer auch sehr belasten. Armut, Kriminalität, Korruption, Krankheit, nicht existente Chancengleichheit – man möchte teilweise die Leute nehmen und schütteln, damit sie doch endlich aufwachen und die Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreit, doch sehen mögen… Doch wir wissen, dass das niemals von Menschenhand auch nur Ansatzweise in den Griff zu bekommen ist. Jehova ist wirklich unsere letzte und einzige Hoffnung!

Für uns ist die teilweise gänzlich fehlende Hygiene ein grosses Problem. Im Moment wird der exotische, indische Traum durch die grossen Müllberge am Strassenrand zerstört. Die meisten der bereits bereisten Länder haben verheerende Abfallprobleme und dass man sich nach dem WC die Hände wäscht scheint eine reine Erfindung der „Westeners“. So komisch, wie sich das anhört – aber wir vermissen schlichtweg Sauberkeit. Hier in Indien ist z. B. sogar nicht mal das Trinkwasser in versiegelten Flaschen sicher. Die Flaschen gehen via Umweg vom Hersteller in die Shops, wo kurzerhand das Originalwasser über ein kleines Loch im Boden abgelassen wird, mit Leitungswasser (in Indien verseucht!!) gefüllt und die Flasche neu verschweisst wird. D.h. dass man jede Flasche Wasser chemisch behandeln muss, um sich keine Magenprobleme einzufangen.

Auf der „Wir-vermissen-Liste“ steht auch Ihr, liebe Freunde und liebe Familie! Gern denken wir an schöne Abende, Erlebnisse, an unsere wunderbare Versammlung und an unsere Heimat zurück… Wir vermissen mit Euch ein Glas Wein zu trinken, ein Winter-Wochenende zu verbringen (ja, wir wissen, dass kann man aus 35°C leicht behaupten), ein Kult-Wochenende zu verbringen (die Richtigen fühlen sich jetzt angesprochen 😉 ), eine ordentliche Partie Squash zu spielen, mit Euch zu lachen, zu reden oder gemeinsam zu relaxen und einfach nur ein Couch-Potatoe zu sein…

Deshalb machen wir ein Annoucement: Unsere letzte Destination, im August 2011, wird Madrid / Spanien sein. Wir laden alle Freunde ein, uns (auf eigene Kosten – wie gesagt: NICHT im Lotto gewonnen) dort abzuholen und die letzten Tage unserer grossen Reise mit uns dort zu verbringen. Das Wochenende (das erste oder zweite), sowie das Hotel wird in nächster Zeit genauer definiert werden. Also: Save the date!

Jetzt wisst Ihr, was wir hier eigentlich so machen… Natürlich werden weitere Fragen dazu trotzdem immer noch gern persönlich beantwortet 😉

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2 Comment

  1. Petra Gruber says: Antworten

    Hallo Reto (und unbekannterweise Jenny)

    Bin per Zufall im Facebook auf diese Seite gestossen und habe mit Vergnügen eure Schilderungen gelesen: Komme ich ja auch grad von einem halben Jahr herumgereise in Lateinamerika (von Mexico bis Argentinien) zurück: kam mir doch so einiges bekannt vor!

    Ja, das Leben eines Reisenden ist nicht immer nur leicht und toll und lustig und ich bin nach 6,5 Monaten dann auch sehr, sehr gerne wieder in die organisiserte und saubere Schweiz – zurück nach Hause – gekommen.

    Ich hoffe, ihr könnt eure Reise weiterhin geniessen, wünsche euch wenig mühsames, viel Geduld und Nerven und gute Betten mit heisser Dusche – oft eine Mangeware 😉

    Grüäss us dä Maersk (wieder churz als Temp..)

    Petra

  2. hi guys,

    We read your ‚confessions of 2 travellers‘ and thought we could have been the ones writing it. Good idea to try to explain friends and family at home what it’s really like to travel for a year!

    Unfortunately we won’t be able to go Madrid next august :-)), but we’ll probably meet somewhere in South America in the months before that..

    Safe travels!
    Edwin&Lisette

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