Ein Tag Busfahren in Indien…

Vorweg: Bis jetzt mögen wir Indien. Oder mittlerweile. TROTZ der folgenden Story (packt schonmal die Mitleids-Laune aus).  Wir haben nämlich einen neuen Welt-Minus-Rekord im öffentlichen Verkehr aufgestellt: 345 km in…. nicht 10, nicht 12, nicht 15 – in 20!!! (in Worten: zwanzig) Stunden!

Wie zum Kuckuck kann man für so eine kurze Strecke so lange brauchen? Danke für die Nachfrage. Folgendermassen:

Eine der wenigen Strecken, für die es in Indien keine Zugverbindung gibt, ist zwischen Mysore (Südindien Mitte) und Cochin (Südindien Westküste). Ein Fliegenschiss auf der Karte, de facto lächerliche 345 km. Möglichkeit 1: Zurück mit dem Zug nach Bangalore (bringt unseren Plan durcheinander). Möglichkeit 2: privater Fahrer nach Cochin (ruiniert uns), Möglichkeit 3: Nachtbus, Abfahrt 20:45, Ankunft 07:00, Hotelübernachtung gespart. Tönt gut – wir überlesen einfach die Warnung vor Bussen und im speziellen vor Nachtbussen im Reiseführer.

Also Möglichkeit 3. Nix wie hin zum Busterminal, und 2 Tickets für ‚Heiligabend‘ gebucht, staatlicher Reisebus, keine Klimaanlage (macht nix – denken wir – in der Nacht ist es sehr frisch in dieser Gegend, grad gut so). Also schreiben wir den 24.12. und während es sich andere zuhause bei warm und gemütlich machen, warten wir um 20:45 Uhr am Busterminal. Das tun wir auch noch um 21:45 Uhr. Und um 22:15 Uhr. Endlich taucht ein Bus nach Ernakulam (Cochin – in Indien haben alle Städte immer mindestens zwei Namen, als ob’s nicht schon kompliziert genug wäre) auf. Wir schmeissen die Rucksäcke in’s Gepäckfach – dass sich bei diesem Luxusbus nicht abschliessen lässt – und stürmen in den Bus (man weiss nie, ob die reservierten Sitze noch frei sind). Der ‚Schaffner‘ informiert uns jedoch freundlich, dass dies der pünktliche 22:15 Bus sei, und nicht etwa der verspätete 20:45 Uhr Bus.

Langsam werden einige Stimmen laut, dass anscheinend unser Bus gar nicht mehr fahre. Da man in Indien grundsätzlich nichts glaubt, was man nicht selber sieht, warten wir – bis plötzlich eine Hektik ausbricht. Unser Bus fährt in wenigen Minuten vom anderen Ende des Busbahnhofs ab. Ok – rüberrennen, Rucksäcke wieder in’s Gepäckfach und rein in den Bus. Da wartet schon die nächste Überraschung: Der Bus wurde gewechselt, auf ein kleineres Model, so dass wir nun die hintersten Sitze haben, die man natürlich (dem allgemeinen Wissen nach), nicht nach hinten lehnen kann. Ausserdem sind’s vier nebeneinander und mein netter indischer Nachbar hat sicherheitshalber schonmal die Hälfte meines Sitzes auch noch in Beschlag genommen.

Um 22:30 geht’s endlich los. Ok, sind wir eben erst gegen 9 Uhr morgens da – kein Problem und genug Beinfreiheit hat’s auch, so dass wir’s uns einigermassen gemütlich machen können. Natürlich ist im Bus genau ein Sitz kaputt – der vor MIR! Bis der darauf sitzende Passagier dies jedoch zweifelsfrei verifiziert hat, ist er mir mit dem Sitz vier mal voll auf die Knie geknallt. Ok, eigentlich hab ich es ihm dann verifiziert, wenigstens waren wir so nicht mehr die Einzigen, die aufrecht schlafen mussten.

Freunde, wenn so ein Bus ausgewechselt wird, wird selten ein neueres Model eingesetzt. Sondern Eins ohne Federung zum Beispiel  – was sich bei den indischen Strassenzuständen als fatal erweist. Auch lassen sich teilweise Fenster nicht schliessen, so wie das genau neben uns, auch wenn sich die Aussentemperatur langsam Richtung Gefrierpunkt bewegt.

Als wir um Mitternacht anhalten, freuen wir uns über die kurze Pause… so können wir das offene Fenster mit einer unserer Jacken stopfen. Als wir um 2 Uhr immer noch stehen, fragen wir mal scheu nach. Wir stehen an der Pforte eines Nationalparks, den der Bus jede Nacht durchquert, um an die Küste zu kommen. Nur ist es jetzt Weihnachtsabend (die Küstenregion ist halb katholisch) und während der Feiertage ist ein Zuschlag fällig, um den Park nachts zu durchfahren. Jetzt ist uns auch klar, warum unsere Tickets 50% teurer waren. Nur – der Fahrer denkt nicht dran, den Aufschlag zu bezahlen, warum auch, wenn er das ‚Weihnachts‘-Geld doch selber behalten kann. Also campen wir im Bus bis um 6 Uhr vor dem Gate, bei eisigen Temperaturen, schnarchenden Indern, weinenden Kindern und gackernden Hühnern vom Transporter nebenan (und hoffen, dass niemand unser Gepäck klaut)… So hängen wir mit I-Pods auf Volllautstärke in unseren Sitzen, versuchen zu schlafen und sind heilfroh dass wir Teile unserer Tibet-Ausrüstung noch bei uns haben.

Damit ist schonmal klar, dass sich unsere Reisezeit um sechs Stunden verlängert. Aber vielleicht kann der Fahrer ja etwas davon aufholen (wir hätten schon lange bemerken sollen, dass es besser ist, auf sämtliche Annahmen zu verzichten)! Also geht es um 6 Uhr morgens mit Vollgas weiter. Schlaftrunken schwanken wir in unseren Sitzen hin und her – bis zum jeweils nächsten Schlagloch und wir fliegen (!!!) hoch über unseren Sitzen – mit anschliessender Bruchlandung zurück auf das Steissbein.

Nun geht es die Berge hoch und runter – eine Gotthard-Überquerung ist eine Spazierfahrt dagegen. Indische Busse neigen dazu, in Haarnadelkurven den Geist aufzugeben, so dass es lange Wartezeiten für die Passage gibt, oder aber der Fahrer erkürt eine dieser Kurven zur perfekten Möglichkeit für Rauch- und/oder WC Pause.

Um 8 Uhr folgt die selbstverständliche Frühstücks-Pause beim Curry-Haus. Herrlich! Ein paar Schritte weiter finden wir einen Früchtestand und eine Bäckerei, so dass wir uns wenigstens ein einigermassen anständiges Frühstück basteln können. Nur dauert es eine weitere Stunde, bis alle ihr Curry verdaut haben und es weiter gehen kann.

Nun hat sich Indien natürlich einiges von Europa abgeguckt – z. B. dass man für die wichtigsten (und ergo schnellsten) Strassen eine Maut verlangen kann. Macht auch Sinn. Aber so könnte man wenigstens etwas der verlorenen Zeit wieder gut machen. Da es den Busfahrer aber natürlich günstiger kommt, diese Strassen zu meiden und die Nebenstrassen zu benutzen, macht er dies auch gerne! Was macht der indische Staat aber mit den Mautgebühren? Richtig – was nicht vom riesigen Beamten- und Administrationsapparat aufgefressen wurde, fliesst in den Strassenunterhalts-Fonds der gebürenpflichten Strassen (ein kurzes Stück von ca. 10 km kamen wir in den Genuss einer dieser Strassen, es waren herrliche 5 Minuten Schlaf!). Wie die nicht-Mautpflichtigen Strassen aussehen, könnt ihr euch demnach vo-ho-ho-ho-horstellen (Zur Illustration: Nach 5x falsch eingegebenem PIN löscht das I-Phone sicherheitshalber alle Daten, und es wäre fast passiert!) Ach – haben wir schon erwähnt, dass die Federung des Busses hin ist und wir direkt über der Hinterachse sitzen?!!

Um 14 Uhr gibt es den nächsten Stop – oder sind wir etwa angekommen?! Natürlich nicht, der nächste Kommission-zahlende Shop darf nicht ignoriert werden. Wir verpflegen uns mit Getränken und Nüssen.

Mittlerweile steht die Sonne hoch am Himmel und knallt mit 30°C durch die Scheibe – die Vorhangschienen über den Fenster lassen vermuten, dass es einmal Vorhänge zum Sonnenschutz gab. Unsere Rechtfertigung des nicht-klimatisierten Busses bezog sich ja aber auch nur auf die Fahrt IN DER NACHT!!! Jetzt brutzeln wir vor uns hin – aber wenigstens kommt etwas staubige Luft durchs Fenster (die Jacke ist natürlich mittlerweile wieder weg). Das vor wenigen Minuten gekaufte, eiskalte Wasser entpuppt sich als verseuchtes Leitungswasser (ja, die Inder können teures Mineralwasser aus der Flasche ablassen und die Flasche wieder auffüllen, so dass man es (fast) nicht sieht, so gut sind die!!)

17:30 Uhr, mein Steissbein hat sich schon vor Stunden verabschiedet und meine weisse Leinenhose hat die Farbe der Schotterstrassen angekommen, die wir die letzten 11 Stunden entlanggeholpert sind. Fünf-sechs letzte Schlaglöcher und der Bus kommt quietschend zum Stehen – wir sind da. Unglaublich. Was aber noch unglaublicher ist: Keiner der Inder, die im Bus waren, haben je was gesagt – keine Reklamation, kein Nachfragen, kein Aufstand. Im zivilisierten Mitteleuropa wäre der Fahrer schon längst an der nächsten Strassenlaterne aufgeknüpft worden (vielleicht hatte der Fahrer einfach nur Glück dass es in Indien keine Strassenlaternen gibt!).

Andererseits sind wir einfach nur dankbar, dass wir überhaupt angekommen sind – bei dem Fahrstil. Jetzt klimatisiertes Taxi rufen, ab in’s Strandhotel, im Pool abkühlen und den Staub mit einem eiskalten Gin-Tonic runterspühlen. Ach nein, das sind ja unsere Hirngespinnste, die sich dank Dehydration blendend entwickelt haben.

In Tat und Wahrheit wird erst mit einem Rikscha-Fahrer um einen fairen Preis bis zum Hafen gestritten, weitere 15 min durch den Dreck gefahren, nur um sich eine halbe Stunde anzustellen, um ein Fähren-Ticket für 5 Rappen (!!!) zu ergattern. Die Rucksäcke auf die Fähre schleppen und sich am anderen Ende von einer anderen Rikscha zum gebuchten Hostel fahren lassen.

Ihr denkt, die Geschichte eines erfolgreichen Indien-Tages sei hier zu Ende? Mitnichten, liebe Leser. Das gebuchte Hostel entpuppt sich nämlich als übler Schuppen, ohne die so dringend benötigte Klimaanlage (die hat gemäss Hostelbeschreibung das Zimmer nämlich so teuer gemacht), ohne Warmwasser-Dusche und ohne Zimmerreinigung seit 5 Schaltjahren.

Also Rucksäcke nochmals geschultert und eineinhalb Stunden die Strassen ablaufen, billige-Unterkunft-versprechende Rikscha-Fahrer und plötzlich auftretende Mückenschwärme abwimmelnd, um schliesslich – man glaubt es kaum – doch noch ein nettes Bett unter einer Klimaanlage und funktionierender Dusche (wenn auch kalt) zu finden.

Und jetzt ratet mal: War es wohl eine gute Massnahme, in Bangalore noch die Flasche Bacardi im Garagenshop gekauft zu haben?!?!

[geo_mashup_map]

Share this:

6 Comment

  1. barrage lalla takerkouste au maroc – agence du bassin hydraulique de tensift

    This is my expert

  2. barrage lalla takerkouste au maroc – agence du bassin hydraulique de tensift

    barrage lalla takerkouste au maroc – agence bassin hydraulique tensift

  3. Creation Site Web Marrakech Maroc

    Creation et referencement de sites web a Marrakech au Maroc

  4. Creation Site Web Marrakech Maroc

    This is my expert

  5. tabitha says: Antworten

    da hattet ihr ja einen ziemlich strengen tag… ich konnte mir bei etlichen passagen das schmunzeln nicht verkneifen. es scheint als ob inder und indianer doch so einiges gemeinsam hätten 😉

  6. Ein Grund, nicht nach Indien zu wollen. Die Inder die hier arbeiten, sind genauso „seltsam“.

Schreiben Sie einen Kommentar