Der Weg zur Freiheit – der Hochseeschein

Hochseeschein

Segeln – Warum?

In Zeiten der Globalisierung, des Pauschal- und Massentourismuses sind individuelle “off-the-beaten-Track”-Erlebnisse immer seltener geworden. Horden von fremdgesteuerten Herden-Touristen verstopfen nun die Orte, die vor Jahren noch als “Geheimtipp” galten. Versteht mich nicht falsch – jeder hat das Recht auf Reisen und diese Reisen so zu gestalten wie er will. Trotzdem wird es für den Individual-Reisenden, der Wert auf möglichst viel Selbstbestimmtheit legt, immer schwieriger, seine Ruhe und Kraft an einer Destination zu finden. Früher war das Preisniveau noch eine Hilfe – in den Top Hotels z.b. (…wer diese Art von Urlaub mag) wusste sich das Klientel – meist – zu benehmen. Heute ist auch dies anders. Dekadenz und Lautstärke gehört anscheinend nun dazu. (Wenn Du herzlich lachen willst lies hier unseren Artikel von Mexico!) Hochseeschein

Sailing4Da hilft nur noch der komplette Rückzug von Mainstream- Orten. Rauf in die Berge, runter in die Tiefe (wobei auch die PADI Zertifizierung heute nichts mehr über die Fähigkeiten und noch weniger über die Naturverbundenheit gewisser Taucher aussagt), rein in den Dschungel oder – raus auf’s offene Meer.

Und darum sind Segelferien die Zukunft. Man wählt meist seine Mitsegler (zumindest nach gewissen Eckdaten: Sprache, Altersklasse und Aktivitätenlevel), das Revier und den Level an Komfort.

Für naturverbundene Puristen ist es der Traum: Wasser, Wind und Sonne. Eine Badehose. mehr nicht. Frische Zutaten aus dem Meer oder vom lokalen Markt. Der eiskalte Gin-Tonic, nachdem der Anker gefallen ist. Abendessen unter dem Sternenhimmel, in der Hafenbeiz oder in der Strandbar. Und tagsüber keine gröhlenden All-inclusive Touristen, keine Animation (ausser die Chill-out Musik an Deck) und keine Schlacht am Buffet.

Nur wie verwirklicht man sich diesen Traum? Zwei Wege: entweder man bucht sich auf einen Törn mit drauf oder man erlernt das Segelhandwerk selber und kann sich seinen Traumtörn selber zusammenstellen.

Wie sieht der Weg zum Hochseeschein aus?

1. Man sollte nicht seekrank werden 🙂
2. Schweizer Binnenschein (D-Schein)
3. Motorenschein für Segelschiffe
4. internationaler Hochseeschein (ICC)

Schweizer Binnenschein (D-Schein)

Der Binnenschein ist vergleichbar mit einem Führerschein für’s Auto – er besteht aus Praxisstunden, einer Theorieprüfung und einer Praxisprüfung.

Jede Segelschule bietet Pakete oder Einzelstunden an. Am besten macht man den Kurs zu zweit – Segeln Bodenseeso profitiert man in der zweiten Hälfte als Vorschoter (das ist der, der das Vorsegel bedient) und lernt doppelt.

Ich habe meine Prüfung nach 10 Segel-Stunden (halbprivat, d.h. 20 Stunden auf dem Wasser) bestanden.

Die Prüfung wird von einem Experten abgenommen und besteht aus praktischen Manövern sowie einem Theorieteil (Notfallverhalten, Knöpfe ect ).

Davor muss man allerdings noch die Theorieprüfung bestanden haben. Aus 300 Fragen kommen im Multiple Choice Verfahren 60 Fragen, aus 180 Punkten darf man sich 15 Fehlerpunkte leisten. Also lernen was das Zeug hält und rein in die Prüfung.

Gratuliere! Jetzt kannst du auf allen Schweizer Seen ein Segelboot mit Aussenborder bis 4,4 KW chartern (mieten). Das reicht für ein 6 Meter Schiff bis 5 Leute. Was aber wenn das Boot grösser sein soll? Dann hat es sicher einen Innenliegenden Motor über 4,4 kW.

Motorenzusatz für Segelschiffe (Motor A*)

In der Schweiz unterscheidet man zwischen den dem Schein für Motorboote und dem Schein für “Motor, beschränkt auf Segelboote”. Der Unterschied liegt im Verhalten der beiden Boote. Wer ein Segelboot unter Motor steuern kann, kann noch lange nicht ein Motorboot steuern – und andersrum.

Deshalb bucht man circa 6 weitere Motorstunden bei einer Segelschule und legt nochmals eine Prüfung ab. Umständlich, ist aber leider so. Bei der Prüfung parkiert man seitlich, vorwärts und rückwärts (im Fachjargon: “römisch-katholisch” hehe) ein und rettet wieder eine ertrinkende Boje aus dem Wasser.

Jetzt kann man Segelboote jeglicher Grösse auf allen Binnenseen in Europa chartern.

Der Hochseeschein

Soweit so gut. Die Sommer Sonntage verbringt man nun gemütlich mit Prosecco und Häppchen auf dem Zürichsee statt in der vollen Badi. Aber wir wollen ja schliesslich mit ein paar Freunden um Mallorca segeln, richtig?

Sailing_MallorcaAlso ist der nächste Schritt der Hochseeschein. Dieser besteht aus drei Teilen:

– Theoriekurs und -Prüfung
– 1000 Seemeilen Praxis auf dem Meer

(Lies hier meinen Bericht zum Überführungstörin Sardinien – Sizilien)

– div. Kleinigkeiten & Bestätigungen

Den Theoriekurs absolviert man in 6 Samstagen oder 13 Abenden. Da lernt man alles über die Gezeiten, Kursbestimmung, Rechtliches ect ect. Daneben studiert man zuhause den Fragenkatalog für den Fragenteil der Prüfung. 500 Fragen mit Multiple Choice, davon kommen ca. 120 an der Prüfung.

Die Prüfung absolviert man am besten gleich im Anschluss an den Kurs, wenn alles noch frisch ist. Die Prüfung besteht aus drei Teilen: Fragen, Gezeitenberechnungen und Kartenaufgaben. Alle Teile müssen mit 75% bestanden werden ansonsten muss der entsprechende Teil nachgeholt werden.

Im Gegensatz zu dem Binnenschein gibt es KEINE Praxisprüfung. Dem Schein erhält man, wenn man 1000 Seemeilen in mindestens 18 Tagen auf See gesegelt ist (Meilen unter Motor gelten auch). Man hat 4 Jahre vor und 4 Jahre nach der Theorieprüfung Zeit dafür. Max 300 Meilen darf man vor der Prüfung absolvieren. Hier liegt der grosse finanzielle Brocken der Geschichte: Je nach Törns, die man sich auswählt (Komfort, Segelgebiet, Ausbildungs-Tiefe, Anreise ect) muss man hier mindestens mit CHF 4000 – 5000 rechnen.

Die “Kleinigkeiten”

Zur Zertifizierung braucht es ausserdem einen aktuellen Hör- und Seetest sowie einen Nothelferkurs – natürlich empfiehlt es sich hier, einen Hochsee-bezogenen Kurs zu machen, da man ja zB kein Pannendreieck aufstellen braucht auf hoher See (obwohl lustigerweise auch der Auto-Nothelfer akzeptiert wird).

Was kostet der Ganze Spass?

Ok segeln ist nicht günstig – man braucht Ausbildung, Ausrüstung und ein Boot – zumindest temporär. Aber … Ferien auf dem Segelboot sind nicht teurer als in einem guten Hotel.

Erstmal zu der Ausbildung:

Binnenschein

Kurs CHF 1200 Fr.
Prüfung CHF 250 für Experte und Bootsmiete
Theorieprüfung CHF 50

Sonstiges Theorieunterlagen CHF 150, Versicherung CH 90

Motorenzusatz

Stunden CHF 300
Prüfung CHF 200 für Experte und Bootsmiete

Sonstiges CHF 30 für neuen Ausweis

Hochseeschein

Kurs  CHF 850
Unterlagen CHF 200
Prüfung CHF 300
Praxis  je nach Törnzusammenstellung ab CHF 4000

Sonstiges CHF 200 Ausweis, CHF 290 Nothelferkurs, CHF 50 Hör/Seetest

Total ab CHF 9 ‘000

Diese Betrag scheint schockierend hoch, man muss aber folgende Aspekte beachten:sailing6

– dieses Projekt über D-Schein bis und mit Hochseeschein zieht sich über mind. 4-6 Jahre
– man lernt extrem viel Neues, ein komplett neues Vokabular und viel über sich selber
– die Törns zum Meilensammeln sind auch gleichzeitig Urlaube
– andere Hobbys sind nicht günstiger (Motorrad, Golfen ect)

Segelurlaub

Eine Segelyacht für 8 Personen im Mittelmeer gibt um den Sommer rum ab ca. CHF 2500, das macht pro Person CHF 300 / Person. Natürlich ist das Komfort-Level nach oben offen, für CHF 500 / Person kriegt man schon eine Mega-Yacht. Dafür gibt es noch kein Hotelbett oder?

Ausserdem kann man die Höhe der Verpflegungskosten selber bestimmt – aus Kombination Selbstverpflegung und auswärts essen. Perfekt!

Nicht, dass ich alle ermuntere den Hochseeschein zu machen – die Meere sollen ja ein Ort der Ruhe und Entspannung bleiben (wobei – segle mal zur Hochsaison in Kroatien *räusper*) – aber es ist eine unglaublich spannende Geschichte.

Hast du schon lustige / erschreckende / spannende Segelerfahrungen gemacht? Dann schreib diese in die Kommentare.

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2 Comment

  1. […] ich (Reto) mich 2016 intensiv mit dem Hochsee-Segeln auseinandersetzte, lag der Fokus unserer und meiner Reisen 2016 auf dem Sammeln von […]

  2. […] wichtigste Voraussetzung erfüllt (mehr über die schweizerische Hochsee-Ausbildung erfährst du hier), selbständig eine Yacht zu chartern und zu […]

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